Francois war ein sonderbarer Herr. Er war den meisten Besucherinnen des Cafés Procope in der Rue de l ́Ancienne Comédie auch als der alte Mann mit dem Hut bekannt. Ihr fragt euch bestimmt was genau an Herrn Francois sonderbar war. Nun, eigentlich nichts, außer dass der ältere Herr mit ergrautem Schnurrbart, einem langen schwarzen Mantel und den unzähligen Falten um seine Augen, jeden Tag um elf Uhr am rechten Tisch hinten in der Ecke im Café Procope saß. Bestimmt habt ihr ihn auch schon einmal gesehen, denn man kann bei gutem Wetter durch das beschlagene und dunkle Glasfenster seinen Hut und sein Profil sehen. Francois kam seit die Mitarbeiterinnen und Besucherinnen des Cafés denken konnten. Er schien nie zu altern, so als ob er in einem Zustand zwischen Leben und Tod ausharren wollte, nur um Himmel oder Hölle, ich weiß auch nicht was ihn am Ende des Lebens erwarten würde, Geduld üben zu lassen. Wie erwähnt, erschien er um Punkt elf Uhr vor der Tür, schaute einmal nach rechts und nach links, so als ob er jemanden suchen würde und verschwand im rauchigen Inneren des Cafés. Niemand wusste woher er kam und wohin er ging. Es schien, dass Francois anders als andere Menschen keine Fußstapfen auf seiner Landkarte des Lebens hinterließ, es gab nur einen Fleck, einen Anhaltspunkt auf dieser Landkarte und dieser war das Café Procope in der Rue de l ́Ancienne Comédie. Seine Bestellung bestand immer aus einem Americano. Die Pariser Gesellschaft war verwirrt. Es gab viele Spekulationen. Die Dramatikerinnen munkelten Geschichten über eine Frau, welche ihn genau an diesem Tisch für einen Anderen verließ. Romantikerinnen flüsterten schwärmerisch über dessen große Liebe, auf welche er jeden Tag wartete und Pragmatikerinnen seufzten nur und sagten, dass ihm der Americano in der Rue de l ́Ancienne Comédie einfach am Besten schmeckte. Wahrscheinlich fragt ihr euch, weshalb man ihn nie ansprach. Nun, viele junge und naive Wesen hatten diesen Schritt gewagt, doch es stellte sich heraus, dass Francois nur eine Sache sagen konnte. „Je suis Francois“ erwiderte er auf jede Frage, sei sie noch so einfallsreich und kompliziert formuliert. Entweder konnte oder wollte Francois nichts Anderes sagen. Vielleicht war er traumatisiert, senil oder verrückt. Das beunruhigte die Gesellschaft nicht im Mindesten, nein, sie interessierte sich einfach nicht dafür. Allein seine Anwesenheit, das ruhige, sanfte und einem von Anfang an sympathische Gesicht mit den traurigen Augen, welche immer ein anderes Möbelstück des Cafés konzentriert studierten, beruhigte jeden einzelnen. Man konnte nicht sagen weshalb, doch Francois verbreitete eine passive, beruhigende Stimmung, die sich auf jedes Gemüt legte. Umso mehr Aufruhr verbreitete der 17 Juli 1928. Es war ein schwüler Sommertag, die Bürgerinnen entspannten sich in den schimmernden Sonnenstrahlen und frönten dem Genuss. Die Stadtgeräusche verschwammen mit dem Rascheln der leichten Sommerbrise und dem Zwitschern der Vögel über den hohen Häuserdächern. Das Café Procope hatte seine Sommerstühle auf die Veranda herausgetragen und zufriedene mit den ersten Zeichen eines Sonnenbrandes gezeichnete Gesichter schwelgten und träumten. Somit bemerkte nicht jede die Abwesenheit eines Einzelnen. Erst als man sich zum Gehen bereitmachte und sich nach den anderen Besucherinnen umschaute, um beim Mittagstisch über diesen und jenen Klatsch und Tratsch auszutauschen, fiel das Fehlen einer starken Präsenz auf. Es war schon nach zwölf und der rechte Tisch hinten in der Ecke war nicht besetzt. Unmut machte sich breit und man hielt dezent Ausschau nach dem Mann mit dem Hut. Das Selbstverständliche hatte sich verflüchtigt und die Pariser Bürgerinnen gingen mit einem leisen Gefühl der Traurigkeit nachhause. Im Café Procope hatte sich Stille breit gemacht und seit jenem Tag blieb der Tisch hinten in der Ecke frei. Alles und doch nichts hatte sich verändert. Nur der schwarze Hut auf dem Holztisch blieb unberührt.